Wir lieben Konsens

Sicher zurück

Posted on: 26. Oktober 2010

Sicher zurück
Ich führe eine Beziehung, die ich als hyper-konsensoriertiert bezeichne. Wir sprechen über Konsens und wir versuchen Konsens zu praktizieren, wenn wir zusammen im Bett sind, wenn wir nicht im Bett sind, in Briefen, per Telefon… es durchzieht die ganze Struktur unserer Beziehung. Das ist die Form unserer Weiterentwicklung, der Ort an dem wir sehen, wie unsere Beziehung wächst, sich ändert, immer und immer intimer wird. Wir reden über Sprache – welche Sprache uns stärkt*, mit welcher Sprache wir uns wohlfühlen.
Ich fühle mich wohl damit Brüste zu sagen, sie sich nicht. Für sie fühlt es sich gut an Vag zu sagen, für mich nicht. Es ist okay zwei verschiedene Vokabelsätze zu haben, einen für ihren Körper und einen für meinen. Wir sprechen über Formulierungen, über die Konnotierung von Dingen. Wir versuchen zu sagen „Möchtest du, dass ich…“ anstatt von „Kann ich …“ denn wir können eine Menge Dinge tun, und die mögen auch nicht besonders unangenehm sein… aber wollen wir es?
Wir mühen uns damit ab, dass wir verschieden oft Intimität oder Sex initiieren, die ###Konditionierung### die wir erfahren haben macht es manchmal schwer, nicht nur unsere Stimme zu finden und Wünsche auszudrücken, sondern auch zuallererst diese Wünsche wahrzunehmen. Neulich fragte ich sie am Telefon, ob sie die Art wie ich ihren Körper berühre, wenn wir uns küssen, mag, denn ich bin mir darüber nicht immer sicher. Sie sagte, dass sie das mag, aber dass sie es brauchte, dass ich mich öfter vergewissere, dass ich sie bei bestimmten Berührungen nach Konsens fragen soll, bevor ich sie berühre. Dies waren Dinge nach denen ich immer frage, ich gehe nie davon aus, dass sie okay sind. Ein Teil von mir war froh und erleichtert, dass sie es mir sagte, dass an den Dingen, die ich tue gearbeitet werden muss. Aber ein Teil von mir wollte weinen und sie nicht wieder berühren, erschreckt ob ich sie verletzt hätte und das nicht zurücknehmen könnte. Ein Teil von mir hasste mich. Das ist es womit wir kämpfen… Dinge aushandeln, gemeinsam lernen, akzeptieren, dass wir uns in einem Prozess befinden und nicht perfekt sind… akzeptieren dass wir es nur versuchen, versuchen eine Beziehung zu führen, die nicht für uns geschaffen wurde, kulturell gesehen … eine Beziehung in der wir uns über Liebe und gute Absichten hinaus in eine Entwicklung, hin zu Kommunikation, Verletzlichkeit, ###practice###(Anwendung, Ausübung, Geübtheit, Gewohnheit, Methode, Praxis, Übung) bewegen…
Alles geht langsam voran und sie würde mir in die Augen schauen und sagen „Wie geht`s dir?“. Sie hielt immer wieder inne, um sich bei mir zu vergewissern, obwohl ich jedes Mal zustimmte, und das gab mir das Gefühl, respektiert zu werden. Es gab mir das Gefühl als ob ich sicher wäre. Denn im Hinterkopf hatte ich, dass ich, wenn ich aus irgendeinem Grund anfangen sollte mich unwohl zu fühlen, und falls ich mich aus irgendeinem Grund nicht in der Lage fühlen sollte es zu sagen, dass sie wieder fragen würde und dass die Möglichkeit wäre sich zurückzuziehen oder langsamer weiterzumachen. Ich fühlte mich nicht gefangen, so wie ich mich früher immer gefühlt habe, wie „Ich bin so weit gegangen, jetzt gibt es keine Chance mehr hier raus zu kommen.“ Sie ließ mich die Entscheidung auf jeder neuen Stufe aufs neue treffen, und nur weil wir etwas zuvor schon ein Mal getan hatten, bedeutete das nicht, dass sie nicht nach Erlaubnis fragte, bevor sie es erneut tat.
Konsens kann so scheiß-furchteinflößend sein, denn du öffnest dich dafür zurückgewiesen zu werden. Du stellst einen sicheren Raum her, einen Raum wo dein Partner „Nein“ sagen kann. Aber was so heiß, so ermächtigend, so verdammt fantastisch an Konsens ist, ist das die „Ja“ zu wirklichen „Ja“ werden. Wenn du das erste Mal ein „Nein“ hörst entwertet/entkräftet das alle vorherigen „Ja“. Das erste Mal, wenn du ein „Nein“ hörst, ist es nicht wirklich eine Ablehnung, irgendein Fehler. Es ist eine Versicherung dafür, dass wenn du ein „Ja“ hörst, es ein „Ja“ ist und dass sie es dir sonst sagen würde, wenn dem nicht so wäre. Die „Ja“s werden erotisch und die „Nein“s ein Zeichen der Sicherheit und des Vertrauens, das sich aufgebaut hat, ein Zeichen, das Konsens wirklich funktioniert, dass das was du tust es die ganze Arbeit wert ist, richtig ist.
Ich gehe davon aus, dass jede/r, mit dem ich in Kontakt komme, Überlebende/r** ist. Wenn sie es mir irgendwann erzählen, großartig, aber ich möchte mir eher meines Verhaltens bewusst sein, als jemanden zu verletzen, um später herauszufinden, dass das hätte vermieden werden können mit ein paar einfachen ###consent practices###. Ich habe gelernt Menschen zu fragen, ob ich sie umarmen darf. Ich frage Kinder, ob ich sie hochheben darf. Ich frage einen weinenden Freund, ob si/e/r umarmt werden möchte, ob es ihnen gut damit geht, wenn ich ihre Hand halte. Ich habe einen Freund, der therapeutischer Masseur ist. „Die erste Regel für Massage ist immer zuerst Zustimmung zu bekommen.“ sagt er. „Aber ich habe festgestellt“, sagt er weiter, „dass das nicht nur für Massage gilt… dass ich die Prinzipien des Konsens auf jede Interaktion, die es in meinem Leben gibt, anwenden muss.“ Ich denke darüber nach, was er gesagt hat, wenn ich neben Fremden im Bus sitze, wenn ich Menschen auf der Arbeit helfe, wenn ich mit Freunden spreche. Konsens ist nicht in sich sexuell. Es geht um Kommunikation, darum, auf einen sicheren Ort*** hinzuarbeiten. Ich möchte, dass intime, private Erfahrungen sicher sind, aber ich möchte mich auch in der Öffentlichkeit sicher fühlen. Über Konsens nachzudenken bei all meinen Interaktionen gibt mir das Gefühl, dass ich in einer gewissen Weise einen Anfang mache, dass ich meinen Teil tue, um dazu beizutragen… Wenn wir Konsens praktizieren, erschaffen wir unseren eigenen sicheren Platz und dann sehen wir, ###dass sie mit anderen sicheren Plätzen übereinstimmen###.
Dies war meine Einleitung zu einem experimentellen Verständnis davon, Konsens zu praktizieren, wie es sich wirklich anfühlt und warum es so wichtig ist: Ich erinnere mich auf der Bettkante zu sitzen, zu knutschen und ganz zärtlich herumzufummeln, mit sanften Küssen, und ich erinnere mich, dass ich dachte „Das ist der beste Teil“ …Und dann erinnere ich mich von Bett aufgesprungen zu sein, im Zimmer auf und ab zu gehen, mein Herz hämmerte, ich war zu Tode verängstigt, hatte ein tiefes Loch, da wo mein Magen war, das mich lebendig zu verschlucken drohte. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind. Ich begann, mir selbst Mist zuzuflüstern und es wurde einfach schlimmer und schlimmer. Ich versuchte es zu zwingen, zurückzugehen und weiterzumachen. Ich konnte nicht in meinem Körper bleiben, ich konnte es nicht aufhalten, in den Wirbelsturm gesogen zu werden, der mich zusammengerollt in einen Ball weinen unter der Bettdecke liegen ließ. Ich konnte meinen Mund nicht öffnen und ich konnte sie nicht ansehen. Ich wollte ihr sagen, dass es nicht an ihr lag, dass sie nichts getan hatte, dass es nicht ihr Fehler war, dass ich sie liebe – aber ich konnte nichts sagen. Sie saß dort eine Minute lang und dann hörte ich sie sagen „Möchtest du, dass ich hier bin oder brauchst du Raum für dich?“ Ich konnte nicht antworten, deshalb änderte sie die Frage in eine Ja oder Nein Frage und sie fragte wieder „Möchtest du dass ich hier bin?“ Ich nickte unter den schützenden Bettdecken. „Kann ich dich berühren?“ fragte sie und ich nickte wieder und fühlte ihre Hand auf meiner Schulter.
„Du bist okay“ begann sie leise zu sagen „Alles ist okay, du bist sicher… du bist sicher… du bist sicher…“
Sie fragte mich, ob sie mich umarmen kann und ich nickte, sie kuschelte sich an mich und umarmte mich und ich fing an zu weinen und zu zittern. Sie hörte auf, mir Fragen zu stellen und ließ mich weinen und hielt mich fest. Als ich genug geweint hatte, nahm ich die Bettdecke von meinem Gesicht, drehte mich zu ihr um und schaute sie an. Ich sah ihr nicht in die Augen, aber sie hielt meinen Kopf sanft in ihren Händen, bis ich ihr in die Augen sah und sie fragte mich, wo ich war. „Bist du hier?“ „Du bist jetzt sicher, alles ist okay.“ sagte sie. Ich habe vorher nie dissoziiert und bin danach zurückgekommen. Ich musste es immer ausschlafen und wachte am nächsten Morgen fertig und verwirrt auf. Aber wir haben vorher über Trigger gesprochen, darüber, dass ich manchmal dissoziierte und was das für mich bedeutete, was ich brauchte, wenn das passierte. Wir hatten uns zusammengesetzt und das „Support zine“**** gelesen, wir sind die Fragen über Konsens am Anfang des Zines durchgegangen… wir haben uns auf Erfahrungen wie diese vorbereitet. Sie hat das, worüber wir gesprochen haben, geübt und es war das erste Mal, dass mich jemand zurückgebracht hat, es geschafft hat, mich sicher zurückzubringen.
* which language empowers us – wörtliche Übersetzung: welche Sprache uns mehr Macht gibt
** Überlebende/r – kommt von „survivor“ und wurde aus dem US-amerikanischem übernommen und bezeichnet Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Der Fokus liegt hierbei auf der Kraft, die die Person hat, da sie die Gewalterfahrung, wenn auch eventuell mit nachhaltigen Schwierigkeiten, überstanden hat.
*** safe space
**** „support zine“ ist eine selbst gemachte Zeitschrift die darüber informiert, wie man Überlebende** unterstützen kann

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