Wir lieben Konsens

Konsens macht Spaß!

Posted on: 15. Januar 2011

Verliert Sex seinen Reiz, wenn man darüber spricht? Bricht man dadurch die »Spannung des Augenblicks«? Ich denke, nein, und um das zu begründen, nehme ich Alfred Hitchcock zu Hilfe.

Hitchcock hat einmal über Spannung in Filmen gesprochen und diese in zwei unterschiedliche Formen geteilt: Suspense und Surprise. Surprise – Überraschung – ist demnach die Spannung, dass etwas Unerwartetes passiert. Im Gegensatz dazu bedient sich Suspense der Antizipation: die Zuschauer_innen wissen, was zu passieren droht, auch wenn die Figuren im Film es vielleicht nicht ahnen. Unklar ist nur, wann das Ereignis eintritt und wie genau – nicht aber, ob.

Hitchcock nun sagte, dass die Überraschung in aller Regel nicht so wirkungsvoll sei wie die Antizipation. Im Film, und – sage ich – beim Sex.

Habt ihr als Kind schon mal erlebt, dass an Weihnachten oder eurem Geburtstag das Wohnzimmer abgeschlossen war, und ihr wusstet, jetzt werden die Geschenke oder die Feier vorbereitet? Die Vorfreude war ein tolles Gefühl und viel besser, als wenn einfach zufällig ein Tag ausgewählt worden wäre, um euch zu überraschen.

Beim Sex ist das ähnlich. »Ich möchte dich nackt sehen« oder »Ich habe total Lust, dich zu schmecken« sind Ansagen, und wenn sie positiv beantwortet werden, dann stehen sie im Raum und knistern. Dann gibt es Vorfreude.

Die Möglichkeit, eine solche Ansage, eine Ankündigung auch zu beantworten, ist dabei (fast) nebensächlich. »Puuh, heute möchte ich nur ein wenig kuscheln« könnte ja nicht kommen, wenn das nicht angesprochen wird. Ein weiterer Vorteil, den ich dadurch erlebt habe: dass eben ehrlich Wünsche geäußert werden, weil Lust und Unlust offen diskutiert werden können – und das bereichert dann wieder das Geschehen.

Ja, diese Ansagen haben schon mal dazu geführt, dass das, was angesagt wurde, nicht geschah. Dafür aber in beiderseitigem Einvernehmen nicht geschah, und mit mehr Vertrauen weiter gemacht wurde. Und wenn es dann passierte, dann war die Antizipation eine ganz Besondere. »Ich werde dich mit deinem Lieblingsdildo ausfüllen« hat schon mal einen ganzen Abend bereichert, bis hin zu dem erlösenden Moment, als ich den Dildo endlich in die Hand nahm. Da hat die Ankündigung ganz und gar nicht geschadet.

Derart offene Kommunikation über Wünsche und Vorhaben gefährden auch nicht den Status der Beteiligten. Ich nehme ja beim Sex die dominante Rolle ein, die dann gerne auch als »typisch männlich« behauptet wird, und die angeblich durch Kommunikation und solche Absprachen gefährdet wird. Ich habe im Gegenteil festgestellt, dass diese Offenheit und Rücksicht von Vorteil ist. Um es in den Worten einer anonymen Bekanntschaft zu sagen:

Da ist ein Vertrauen, also das fühlt sich anders an als sonst. Das Wort passt nicht mal, weil sonst so unzutreffend verwendet wird. Nicht wie bei den anderen, dass die mir schon nichts tun werden oder dass ich ggf schon damit klar komme oder dass sie nicht so gelagert sind, dass sie wirklich böse sind oder dass ich ihnen sowieso überlegen bin, auch wenn sie die Peitsche in der Hand halten. Sondern….. *nachdenk* das ist nicht die Abwesenheit von etwas Bösem, die Abwesenheit von etwas Schlechtem oder Schlimmen, sondern es ist die Anwesenheit von etwas Gutem. Das trifft es. Ein ganz anderes Gefühl von Vertrauen. Man müsste ein neues, unverbrauchtes, ungefärbtes Wort dafür erfinden. Die Anwesenheit von etwas Gutem.

Klingt das so, als würde es den Sex gefährden?

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3 Antworten to "Konsens macht Spaß!"

Hmm,

ich finde es interessant, daß gerade Leute aus der BDSM Ecke immer wieder expliziten verbalen Konsens betonen. Klar, da ist das besonders notwendig, weil ja wenige Dinge als implizit gelten können, und sicher ist es auch von großem Vorteil, wenn Menschen lernen, sich offener über ihre Sexualität zu unterhalten, und dabei können sie sicher auch eine Menge von BDSM orientierten Menschen lernen. Aber ich denke auch, daß dabei ein unrealistischer Anspruch an die Kommunikationsfähigkeit von anderen Menschen (deren Sexualität eben nicht derartig diskurisv ist) gestellt wird, den diese selten erfüllen wollen oder können.

Es ist nicht so, daß es nicht sexy sein kann vor dem Sex über Sex zu sprechen, es ist nur scheinbar so, daß das a) die wenigsten können und b) auch deswegen die wenigsten wollen. Denn wenn sowas komisch kommt kann es den Vibe definitiv kaputt machen, so wie es ihn verstärken kann, wenn es gut kommt. Aber während diese Diskussionen immer moralisieren und Menschen, die auf die der vermeintlich so einfachen Explizierung von Kommunikation inhärenten Probleme hinweisen, zumindest in die Nähe von Vergewaltigungsapologeten rücken, geben sie im Regelfall schlicht wenig konkrete Hinweise darauf, wie man konkret solche Gespräche angeht und welche Bereiche implizit ausgenommen sind – also wo „Sexualität“ anfängt. Die Kategorie platonischer Konsens macht doch sehr deutlich, wie sehr problematisch das werden kann, wenn man alles und jedes durch Fragen in der Bedeutung beschwert – remember Foucault – manche Grenzüberschreitungen werden auch und gerade erst durch den Diskurs über sie konstruiert und dann erst zum Problem. Ist es Zustimmungspflichtung, jemandem zur Begrüßung die Hand zu geben? Und wenn die Person auf die Nachfrage nein sagt, soll man das dann nicht als Unhöflichkeit werten dürfen?

Ich finde, es ist problematisch, daß in dieser Diskussion die aufklärerische und die Gewaltpräventionsebene zusammengewürfelt werden, was die erstere mit der der letzteren inhärenten Moralität belastet und der letzteren nicht wirklich was bringt, weil diejenigen, die sich für die erstere interessieren, mit der letzteren tendenziell weniger zu tun haben.

Das ist alles noch sehr unausgegoren.

Ich verstehe deinen Kommentar nicht ganz.

„Aber ich denke auch, daß dabei ein unrealistischer Anspruch an die Kommunikationsfähigkeit von anderen Menschen (deren Sexualität eben nicht derartig diskurisv ist) gestellt wird, den diese selten erfüllen wollen oder können“

Das klingt so, als wären Menschen mit hoher Kommunikationsfähigkeit automatisch BDSM’ler.“ Ich kann mindestens sagen, dass nicht alle BDSM’ler gute Kommunikatoren sind, aber andersherum halte ich das auch für weit hergeholt.

Kommunikation muss gelernt werden. Von jedem. Im BDSM-Bereich gibt es nur Gruppenzwang, sich zumindest ansatzweise damit zu beschäftigen. Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, wie hilfreich gute und offene Kommunikation sein kann.

Wenn ich aus Spaß okCupid-Profile durchstöbere, sehe ich schon, wie unterschiedlich da auch vergleichsweise harmlose Fragen beantwortet werden, z. B., ob man nach dem Sex lieber kuschelt, nebeneinander liegt und sich berührt, isoliert liegt oder gleich getrennte Betten hat. Wenn nun jemand zum Kuscheln ansetzt bei jemandem, der_die lieber Distanz hat, kann das schon unangenehm wirken. Oder man redet drüber.

Ich stimme zu, dass gerade ohne Übung Kommunikation und Konsensgespräche komisch rüberkommen können. Aber das ist, mit Verlaub, überall so. Gerade habe ich einen neuen Job angefangen, bis ich ins Referendariat gehe, und da ist man am Anfang auch unsicher und macht komische Sachen und Fehler. Aber darum sagt niemand, „Hör auf zu arbeiten, das bringt nix“. Und die Geschichten vom ersten Mal sind nahezu universell komisch-peinlich, weil man ungeübt ist. Trotzdem haben die Leute weiter Sex. Warum: weil es sich lohnt, weil es sich auszahlt.

Deinen letzten Absatz finde ich aber sehr gut, weil er zeigt, wie die Diskussionen oft laufen. Die einen sagen: „Ich finde Kommunikation ja gut, aber Übergriffe sind bei mir kein Thema.“ Oder umgekehrt: „Übergriffe vermeiden ist super, aber warum soll man da so ein Bohei draus machen?“

Die Sache ist nur, dass sich das Zustimmungskonzept aus meiner Sicht genau im Schnittpunkt befindet: man fördert Kommunikation, das ist immer gut, und dadurch beugt man gleichzeitig „accidental rape“ oder ähnlichen ungewollten Übergriffen vor.

Aufklärung ist ja kein Selbstzweck, sondern *soll* ermächtigen und zur Mündigkeit führen.

Malvolio,

„Wenn nun jemand zum Kuscheln ansetzt bei jemandem, der_die lieber Distanz hat, kann das schon unangenehm wirken. Oder man redet drüber.“

das ist so einer von den Punkten, an denen ich sagen würde, so what, daß müssen die miteinander ausmachen. Da den persönlichen Bereich ins generelle, politische ziehen zu wollen, überfordert beide Bereiche. Das geht nicht gut zusammen. Dafür sind Menschen zu unterschiedlich.

„Die Sache ist nur, dass sich das Zustimmungskonzept aus meiner Sicht genau im Schnittpunkt befindet: man fördert Kommunikation, das ist immer gut, und dadurch beugt man gleichzeitig „accidental rape“ oder ähnlichen ungewollten Übergriffen vor. “

Ja, klar. Aber dann laßt doch das „R-Word“ soweit es geht raus, weil es alle Initiatoren (zumeist Männer) immer in die Defensive treibt. Und weil das alles auch im Vorhinein alles so schwammig ist. Habe ein Interview mit einem/einer von Euch bei der Mädchenmannschaft gelesen und in dem Interview wurde zum einen darauf hingewiesen, daß man vor einem Kuß zu Fragen habe, aber andererseits, daß das der Frage vorausgehene Berühren seitens der anderen Person als vollkommen ok angesehen wurde. Wo sind die Grenzen? Was soll das alles, wenn man am Ende doch nicht schlauer ist als vorher…?

Ich finde, es ist toll expizitere Kommunikation anzudenken, aber, wie schon erwähnt, dann bitte auch mit dem entsprechenden Kommunikationsworkshop (Du hast ja mit den letzten Beiträgen (zu denen ich auch noch was sagen werde) das schon mal ansatzweise begonnen), denn sonst nimmt man Menschen mit hohem moralischem Anspruch Ausdrucksfähigkeit ohne ihnen einen Ersatz zu bieten. Dann kommt das ganze eben doch als „Ihr dürft nicht!“ rüber, egal wie Sex-positiv Ihr Euch das denkt.

„Praxisnähe und Beispiel“, runtergebrochen bis auf den Spruch an der Bar sowie eine Einigung darüber, welche Eskalationsstufen (genau definiert) unter welchen Umständen welche Art von Kommunikation erfordern sollten, das wäre aus meiner Sicht mal ein sinnvoller Beitrag. Persönlich glaube ich, daß konkrete Beispiele von „sexy-talk“ den meisten Menschen schon sehr viel weiter helfen würden, denn explite Kommunikation kann ja auch als „Beschleuniger“ funktionieren, wenn man weiß, wie sie geht. Das wäre mein Ansatz. Den Feminismus und die Rape Culture soweit und solange es geht aus der Diskussion raushalten, denn sonst vertreibt man gerade die, denen die Diskussion am besten täte.

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