Wir lieben Konsens

Nein! Und nun?

Posted on: 3. Februar 2011

»Das? Das mache ich nicht!«

Die unangenehme Wahrheit lautet: wenn man auf Konsens achtet und vorab Zustimmung einholt, kann es passieren, dass diese verweigert wird. So zu tun, als passiere das nicht, ist dasselbe, wie so zu tun, als wären alle polyamorösen Beziehungen frei von Streitigkeiten und Eifersüchteleien:

Augenwischerei.

Aber auch verständlich, denn eigentlich möchte man ja Leute überzeugen, das Neue Konzept ™ mal auszuprobieren. Und es gehört zweifellos zu den schwereren Dingen, mit einem Nein umzugehen.

Eigentlich sollte die Phase der Ablehnung doch vorbei sein, wenn man dabei ist, sexuelle Handlungen abzusprechen – oder auch andere Aktivitäten. Es wurde doch bereits »Ja« gesagt – oder? Wenn sie mich in der Cafeterie angesprochen hat, dann will sie doch auch mit mir… und wenn wir uns geküsst haben, und wenn wir schon Sex hatten, und wenn wir schon zusammen aufgewacht sind, dann will sie doch auch… oder?

Vielleicht ist diese Ablehnung sogar schlimmer, weil wir noch eher das Gefühl kriegen, etwas falsch gemacht zu haben. War mein Vorschlag denn so schlimm? Darf man Donnerstags keinen Sex haben? Oder ist das, worum ich bitte, wirklich so abwegig? Abartig gar?

Diese Ideen, diese Gefühle muss man unterdrücken. Wenn ich ein Nein derartig neurotisch verarbeite, wenn ich mich vielleicht sogar persönlich angegriffen fühle, dann kann ich mir das Zustimmungskonzept auch sparen. Wenn ich nur frage, um »ja« zu hören, warum dann nicht einfach tun?

Wenn das nur so einfach wäre. Natürlich hängt das auch vom Grad des Nein ab: »Bitte küss mich heute nicht aufs Ohr« ist sehr viel einfacher zu akzeptieren als »heute ist mir nicht nach Zärtlichkeiten«. Und doch ist jedes Nein eine Grenze, die uns in dem Moment nicht gefällt, weil wir gerne ein Ja gehört hätten.

Wie kann man es sich also leichter machen, das Nein nicht falsch aufzunehmen? Wenn man »im Moment« ist, also nicht generell Dinge abspricht, empfiehlt es sich, das Nein einfach zu akzeptieren und etwas anderes, etwas mit Zustimmung zu machen, und erst später, wenn man sich etwas beruhigt hat, vielleicht noch einmal darüber zu reden.

Ein weiterer psychologischer Trick kommt daher, dass wir Gefühle, die wir simulieren, auch wirklich empfinden: wenn wir viel lächeln, bekommen wir auch gute Laune. Zwingen wir uns also zur positiven Reaktion: »Danke für deine Offenheit. Ich bin froh, dass wir so etwas bereden können.« Allein, das zu sagen, sorgt schon dafür, dass wir uns auf die positiven Elemente konzentrieren: Offenheit, Kommunikation, Ehrlichkeit – und nicht auf die Ablehnung.

Ähnlich kann es helfen, sich bewusst zu machen, wozu die andere_n Person_en bereits zugestimmt haben: da ist das Nein gleich viel weniger in einer Ausnahmeposition. Oder sich bewusst zu machen, dass es ja gerade darum geht, Nein und Ja sagen zu können. Aber das sind beides Gedanken, die man sich in einer emotional aufgeladenen Situation nur sehr schwer machen kann.

Wenn alle Stricke reißen, bleibt immer noch die Kommunikation: »Sei mir nicht böse, aber das Nein macht mir etwas zu schaffen. Ich muss mal eben ein wenig Ruhe haben.« Oder: »Kannst du mir genauer erklären, warum du das nicht möchtest?« Gerade der zweite Satz aber bitte keinsten Falles vorwurfsvoll, sondern nur, wenn man wirklich verstehen möchte – und sichergehen, dass es nicht daran liegt, dass man gestern Döner gegessen hat.

Halt, das muss ich genauer ausführen. Zustimmungskonzept bedeutet nicht, so lange auf das Gegenüber einzureden, bis das Ja sagt. Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein. Ich habe das nur angeführt, weil ich aus persönlicher Erfahrung die Situation kenne, dass ich einen Vorschlag ganz anders interpretiert habe und das Nein sich daher nur auf etwas bezog, das ich nicht meinte. Gleichzeitig kenne ich aber auch die Situation, dass mir eine Erklärung wirklich mehr darüber verraten hat, wie mein Gegenüber denkt und fühlt – in beiden Fällen hat die fragende Person aber eindeutig nicht versucht, das Nein umzudeuten oder jemanden umzustimmen.

Entscheidend ist auf jeden Fall, dass die Reaktion nicht dazu führt, dass in Zukunft nicht mehr Nein gesagt wird.

Schließlich und endlich aber ist es mit der Fähigkeit, ein Nein zu hören und zu akzeptieren, auch in sexuellen Situationen wie sonst auch: man muss es üben. Wenn man mehrmals damit fertig wurde, dann wird man auch gelassener, wenn wieder ein Nein kommt. Schließlich weiß man dann aus Erfahrung, dass ein Nein nicht bedeutet, dass nie mehr Ja gesagt wird.

Es gibt beim Zustimmungskonzept aber nicht nur die Nein-Hörer. Sondern auch die Nein-Sager, und die haben es auch nicht immer leicht. Darauf komme ich / kommen wir aber ein anderes Mal zu sprechen.

1 Response to "Nein! Und nun?"

Malvolio,

„Und es gehört zweifellos zu den schwereren Dingen, mit einem Nein umzugehen.“

hmm, kommt drauf an, ich glaube, die meisten Menschen sind eher nicht in der Lage, die Dinge für sich und erst Recht für andere zu explizieren. Es ist weniger, daß sie Angst vor einem Nein an sich haben, als daß sie nicht in der Lage sind, in solchen Situationen sinnvoll zu kommunizieren.

„Wenn ich nur frage, um »ja« zu hören, warum dann nicht einfach tun?“

Das ist eine berechtigte Frage. Ich denke durchaus, daß man darauf vertrauen können muß, daß die andere Person schon in der Lage ist, nein zu sagen, wenn sie etwas nicht will. Sonst bringt das doch alles ohnehin nichts.

„Halt, das muss ich genauer ausführen. Zustimmungskonzept bedeutet nicht, so lange auf das Gegenüber einzureden, bis das Ja sagt. Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein.“

Auch hier ist das nicht so einfach. Das Problem ist doch, daß hier eine Aussage getroffen wird, die auf den ersten Blick jeglicher zumeist noch individuell nachvollziehbarer Erfahrung widerspricht. Nicht jedes Nein ist auch ein nein, neins erfüllen eine ganze Reihe von kommunikativen Funktionen, und daher ist eine Aussage, wie Du sie oben triffst, für die Glaubwürdigkeit des Ansatzes extrem problematisch, weil sie eben im Widerspruch zur individuellen Erfahrungswelt der meisten Menschen steht. Entweder willst Du also ausdrücken, daß ein Nein dann ein Nein ist, wenn es wirklich ernst gemeint ist (was kommunikativ schwierig ist, wenn es keine Safewords gibt), daß jedes Nein als Nein zu respektieren ist, auch wenn es vielleicht nicht so gemeint war (was vermutlich schnell zu Frustration führt, gerade weil es eben der individuellen Realität so sehr widerspricht).

Was aus meiner Sicht für einen sinnvollen Einsatz von „ein Nein ist ein Nein ist ein Nein“ in der letzteren Variante (also als kommunikativer Anspruch) fehlt, ist eine sinnvolle Spezifikation von Eskalationskontext. Je sexueller die Interaktion je größer die Risiken eines Mißverständnisses, desto mehr sollte es gelten. Wenn man beim Kennenlernen ein echtes Nein ignoriert, sind die Konsequenzen „nervig“ aber belanglos – wenn es darum geht, ob man die Hosen runterläßt und die Röcke hochschiebt, ist das mit einem Mißverständnis einhergehende Risiko ungleich größer. Da sollte es dazu gehören, auch ein zum Kokettieren verwendetes Nein als solches anzusehen, und auf eine Klarstellung zu warten – wenn die nicht kommt, dann war’s das halt.

Egal an welcher Stelle im Eskalationsprozeß – Frauen tun sich verdammt schwer, „ja“ zu sagen und das macht die Änderung des Standards kompliziert.

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