Wir lieben Konsens

Nein sagen – und dann?

Posted on: 5. Februar 2011

Konsens ist toll! Aber leider ist Konsens nicht immer gegeben. Manchmal hat man einfach keine Lust, sich auf bestimmte Dinge einzulassen – einmalig oder auch dauerhaft. Und dann?

Wenn man das Zustimmungskonzept ernst nimmt, dann muss auch offen und ehrlich eine Ablehnung kommuniziert werden. Aber Ablehnungen sind schwierig. Als Menschen möchten wir anderen Menschen, die sich uns öffnen, und die wir gern haben, nicht vor den Kopf stoßen. Auch wissen wir nicht, wie auf eine Ablehnung reagiert wird – es kann durchaus passieren, dass wir „jetzt gerade nicht“ meinen, aber „niemals“ verstanden wird.

Zunächst einmal muss man Nein sagen können. Das ist etwas, das mit der Zeit einfacher wird. Mit jeder offenen Kommunikation, mit jedem Nein gewöhnt man sich daran, ehrlich zu sein. Trotzdem gibt es natürlich ein paar Tricks, die Ablehnung zu entschärfen und beispielsweise den gemeinsamen Abend zu retten.

Erstens ist ein reines Nein eine sehr starke Ablehnung. Hier hilft es, typische Konflikt-Formulierungen zu nehmen, also das_die Gegenüber nicht zu beschuldigen, sondern von sich zu sprechen. Aber wichtiger finde ich noch, dass man sich bemüht, Gegenvorschläge zu machen. Damit nimmt man der vorschlagenden Person die Last, sich sofort etwas Neues zu überlegen.

Vielleicht gibt es auch Kompromisse, die man schließen kann: »Ich habe heute keine Lust auf Sex, aber wir können uns ja zusammen auf dem Sofa einmümmeln.« Oder man überlegt, es wieder gut zu machen – auch wenn es eigentlich nichts gutzumachen gibt, wenn man ehrlich seine Meinung sagt, kann es doch die Laune heben: »Morgen lecke ich deinen großen Zeh, aber heute ist mir wirklich nicht danach.«

Im anderen Beitrag bin ich auch auf Verständnis eingegangen, und auch das kann hier helfen. Man kann sich erkundigen, warum das Gegenüber einen bestimmten Vorschlag macht, was reizvoll daran ist. Zumindest hilft es dabei, andere zu verstehen, und vielleicht ändert sich die eigene Einstellung auch. Wichtig ist aber wiederum, dass das Zustimmungskonzept nicht bedeutet, dass man so lange sucht und umdeutelt, bis man zustimmen kann. Auch ein Nein ist voll okay. Und natürlich sollte die Verständnisfrage nicht: »Wie kannst du nur auf so was stehen?« lauten.

Allerdings muss man auch darauf achten, dass man die jeweiligen Partner nicht damit durchkommen lässt, ein Nein zu ignorieren oder allzu schlecht aufzunehmen. Im Zustimmungskonzept, wie ich es verstehe, ist es entscheidend, dass beide Seiten offen Ja und Nein sagen, und schlechte Reaktionen auf ein Nein bzw., das Ja als gegeben anzunehmen, sind kontraproduktiv. Wenn so etwas passiert, sollte man das auch zum Ausdruck bringen.

Wichtig ist aber vor allem, im Kopf zu behalten, dass die Person, die zurückgewiesen wird, wahrscheinlich erst einmal nicht allzu glücklich darüber ist. Wenn sie da ein paar Minuten braucht, um das zu verarbeiten, ist das okay.

Meine eigene Meinung ist übrigens, dass man durchaus GGG sein sollte – das ist eine englische Abkürzung und steht für „good, game, giving“. Im Endeffekt bedeutet das, bereit zu sein, auch Dinge, die auf den ersten Blick nicht so verführerisch klingen, mitzumachen – für die anderen Beteiligten. Und natürlich im Gegenzug auch eigene Sachen, die bei denen nicht so gut ankommen, machen zu dürfen. Bevor ihr also generell Nein sagt, sagt doch bitte mindestens einmal Ja, wenn der Vorschlag euch nicht völlig quer kommt. Und vielleicht auch überlegen, ob das Nein wirklich so grundsätzlich ist oder nur bestimmte Ausprägungen behandelt („Küssen ist okay, aber ohne Zunge!“)

Das bedeutet wiederum nicht, dass man nicht sagen soll, wenn man gerade keine Lust hat.

Das alles klingt sehr abstrakt, aber es ist auch eine schwierige Situation. Und es ist schwierig, darüber zu schreiben, ohne zu persönlich zu werden. Noch dazu, wenn es um Dinge geht, in denen zumindest die Fiktion von fehlendem Konsens eine Rolle spielen kann, also bei künstlichen Machtunterschieden im Rahmen von BDSM.

Aber ich möchte doch noch einmal ein Beispiel geben, das hoffentlich harmlos genug ist. Ich habe mit einer Freundin diskutiert, eine Rollenspielsituation auszuspielen. Dazu habe ich ein paar Vorschläge gemacht, unter anderem schlug ich das Klischee von Lehrer und Schülerin vor, in dem die Schülerin droht, nicht versetzt zu werden, und ihre Note verbessern möchte. Das gefielt der Frau gar nicht. Stattdessen schlug sie allerdings ein anderes Szenario vor, ähnlich diesem. Nur, dass die Schülerin jetzt nur an der Vorlesung teilnahm, weil sie den Prof so toll fände, und sich für den Inhalt gar nicht so interessiere. Und sich nun daran macht, den Prof zu verführen, ohne zu ahnen, wie der auf so etwas reagiert und dass dessen Sexualität nicht nur kuschelig-weich ist.

Das war eigentlich eine Ablehnung, die aber nur umgedeutet wurde – ein Gegenvorschlag. Ein sehr gelungener sogar. Da gab es keinen wirklichen Streit.

Hingegen hat mich eine Freundin mal gefragt, ob ich mit ihr ins Kino gehen wollte, und ich habe abgelehnt, weil ich den Film nicht unbedingt sehen wollte. Eigentlich wollte sie mit mir irgendwie ausgehen, aber ich habe das total verpennt und einfach Nein gesagt. Das war ehrlich, aber dumm. Und einen Gegenvorschlag habe ich auch nicht gemacht.

Das Zustimmungskonzept ist toll! Und es befreit unheimlich, wenn man offen und ehrlich miteinander umgehen kann. Aber leider bedeutet das nicht, dass alles immer einfach ist. Und der Umgang mit Ablehnung ist ganz sicher eine schwierige Aufgabe für alle Beteiligten – vor allem, wenn sich mal kein guter Kompromiss oder Gegenvorschlag anbietet. Aber das gehört eben dazu, die anderen ernst zu nehmen und wertzuschätzen, und auch darum ist dann, wenn Ja gesagt wird, das Erlebnis so schön.

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