Wir lieben Konsens

Händchen halten

Posted on: 25. September 2011

Johannes war so lieb und mutig, etwas zu schreiben: Hier meine Konsensgeschichte oder das, was ich für eine Konsensgeschichte
halte. Sie ist nur ein kleiner Ausschnitt einer viel längeren, liebevollen,
lustvollen aber auch interessanten Konsensgeschichte mit Überraschungen,
Enttäuschungen, Fragen, Erklärungen. Die ganze Geschichte zu erzählen, wäre
mir zu anstrengend, zu lang, zu intim.

Beteiligte Personen: sie und ich. Wir kennen uns seit zwei Tagen, besuchen das
gleiche … sagen wir mal Seminar. Es ist uns beiden klar, dass wir uns mögen.
Viel gegenseitig angelächelt, viel miteinander geredet. Einmal sogar umarmt.

Heute ist am Abend ein Konzert. Leise Musik. Wir sitzen nebeneinander. Etwa 80
andere Leute mit uns im Raum. Alle hören der Musik zu. Die Bestuhlung ist eng.
Wenn ich mein rechtes Bein etwas nach rechts bewege, berühren sich unsere
Knie. Ihre linke Hand liegt auf ihrem linken Bein. Ich mag Hände. Ich mag ihre
Hände. Hände sind schön. Ihre Hände sind schön. Ich möchte ihre Hand nehmen.
Richtige Musik zum Händchenhalten. Ich glaube sie würde das mögen. Sicher bin
ich mir nicht. Vielleicht findet sie Händchenhalten doof. Vielleicht findet
sie Händchenhalten im Konzert kitschig. Vielleicht will sie nicht, dass die
anderen sehen, dass wir händchenhalten. Vielleicht wünscht sie sich, dass ich
ihre Hand nehme. Soll ich sie fragen? Mich zu ihr rüberbeugen und ihr ins Ohr
flüstern „Darf ich deine Hand nehmen?“ Oder so was ähnliches. Würde mich
ziemlich nerven, wenn sie das machen würde. Ich will ja der Musik zuhören.

Ich lege meine rechte Hand auf mein rechtes Bein, direkt neben ihre linke
Hand. So als Einladung. Sie reagiert nicht. Vielleicht hat sie’s nicht
gesehen. Ich warte etwas. Ich lasse meinen kleinen Finger etwas nach ihren
Fingern tasten, beobachte im Augenwinkel, was ihre Hand macht. Bewegt sie sich
ein Finger breit nach rechts, bedeutet das „Nein.“ Lässt sie ihren kleinen
Finger mit meinem kleinen Finger spielen bedeutet das „Ja“, dann hätten wir
Konsens. Also, vorsichtig tasten. Ihre Finger reagieren. Nach zwei Sekunden
haben sich unsere Hände umschlungen, spielen miteinander, streicheln einander.
Ohne Blickkontakt. Bis der Applaus sie auseinander zwingt. Aber danach finden
sie sich wieder. Darüber haben sie Konsens.

War mein Tasten mit dem kleinen Finger ein Mittel der Konsensfindung? Oder war
es ein sexueller Übergriff? Unsere Hände haben jedenfalls schnell Konsens
gefunden.

11 Antworten to "Händchen halten"

Müßte eigentlich ein Übergriff sein nach der Theorie.
Schließlich war es berühren ohne Zustimmung.

Das sie es hier zufällig auch wollte bedeutet ja nicht, dass nicht die Gefahr bestand sie zu belästigen, indem man sie berührt.

Danke fürs Veröffentlichen. Das nächste Mal schicke ich ohne Zeilenumbruch ;-)

@ Christian:
Die Gefahr eines (versehentlichen) Übergriffes sehe ich hier nicht, unter anderem, weil das Berühren von Händen in unserer Gesellschaft sehr üblich ist, und wenig sexualisiert, im Gegensatz zu dem Berühren von Brüsten, Taillen, Mündern,..

Ich find’s eigentlich sehr süß ; )

@Jule: Es hängt wirklich sehr davon ab, inwieweit Berührungen üblich sind. Ich bin oft in einer Community unterwegs, in der flüchtige Berührungen aber auch Umarmungen und Kuscheln unter Freunden sehr viel üblicher sind und häufiger vorkommen als „in der Gesellschaft“. Auch die hier geschilderte Geschichte fand „dort“ statt. In dieser Community sind auch alternative Beziehungsformen viel häufiger.

Das ist finde ich auch eine sehr spannende Anwendung von Konsens: Konsensfindung darüber, wie eine zwischenmenschliche Beziehung gestaltet wird jenseits der Formen die „in der Gesellschaft“ üblich sind.

@Jule

„Die Gefahr eines (versehentlichen) Übergriffes sehe ich hier nicht, unter anderem, weil das Berühren von Händen in unserer Gesellschaft sehr üblich ist, und wenig sexualisiert, im Gegensatz zu dem Berühren von Brüsten, Taillen, Mündern,..“

Aber weiß er wie sie darüber denkt? Vielleicht möchte sie einfach in Ruhe einen Film gucken und hätte für den Fall, dass sie es nicht gewollt hätte, die ganze Zeit über neben ihm sitzen müssen, immer in der Befürchtung, dass sein Finger sich noch mal auf den Weg macht und sie ohne Zustimmung berührt. Er hätte ihr also den ganzen Film versaut und sie hätte beständig Angst haben müssen.

@Christian,

genau deswegen insistiere ich nach einer Zurückweisung nicht. Leider gibt es viele Menschen, die eine Zurückweisung nicht akzeptieren (können) danach insistieren.

Ich hätte ihr in dem Fall durch eine eindeutige Handbewegung meinerseits klargemacht, dass ich ihr Nein verstanden und akzeptiert habe.

Wenn man sich die Fortsetzung der Geschichte anschaut, kommt man zu der Frage was der Unterschied ist zwischen belästigendem Insistieren und jemandem etwas auf andere Art attraktiv machen, so dass dieser wirklich aus Lust zustimmt und nicht, um der Belästigung ein Ende zu setzen.

@Johannes

„Ich hätte ihr in dem Fall durch eine eindeutige Handbewegung meinerseits klargemacht, dass ich ihr Nein verstanden und akzeptiert habe.“

Oder nach dem Film, also in einer Lage, wo sie ausweichen kann, eine Berührung andeuten. Wäre das nicht noch mehr Zustimmungskonzept ?
So wurde ja die Angst vor öffentlicher Ablehnung auf Kosten ihres evtl Wohlbefindens reduziert.

@Christian

Nach dem Konzert? Es war aber während des Konzertes die Stimmung, dass wir Händchen halten wollten. Klar eine enstsprechende Stimmung kam wieder, aber nicht planbar. Ich bin ja während der ganzen Geschichte nie irgendeinem Plan gefolgt.

Angst vor öffentlicher Ablehnung? Wo siehst du die?

Sie hätte ja auch während des Konzertes ein Nein kommunizieren können, wie ich es beschrieben habe. Und ich hätte das akzeptiert und respektiert und dies auch so zurückkommuniziert, damit ihr Wohlbefinden erhalten bleibt. Sie hat aber ein klares Ja kommuniziert.

Ich muss sagen, genau solche Geschichten wie deine Johannes, sind die, wo ich mich ebenso frage, ob das Konsens ist oder nicht. Ich würde aber dennoch sagen, JA, ist es, denn irgendwo muss ein Kompromiss gefunden werden – in der Realität kann mensch halt nicht immer jede Handlung vorher lang und breit ankündigen bzw. um Erlaubnis fragen, so schade das auch ist.

Ich verstehe aber auch CHristians Einwand, denn ich z. B. hätte mich in einer solchen Situation äußerst unwohl gefühlt, wenn ich NICHT an der anderen Person interessiert gewesen wäre… ich bin nämlich zu „höflich“, dies dann auch deutlich zu machen.

Aber ich denke, hier kommt es ganz viel auf die „Vibes“ an, die die andere Person (die du ja gut kanntest) ausstrahlt, denn dieser Teil gehört – neben den Worten – ja auch ganz groß dazu.

@Paula:

Ich fand deinen Artikel „Alles nicht so einfach“ aus deinem Blog sehr interessant. Ich habe ihn gerade nochmal gelesen.

Du tust dir schwer damit „Nein“ zu sagen; ich tue bzw. tat mir schwer, anzufragen, wenn ich etwas möchte.

Aber genau das — dass alle Beteiligten sagen, was sie wollen oder nicht wollen — ist in meinen Augen die Grundvoraussetzung für das Zustimmungskonzept. Sobald einer der Beteiligten nicht sagt, was er/sie will oder nicht will, oder gar etwas anderes sagt als er/sie will, ist das ganze Zustimmungskonzept ad absurdum geführt.

Und es ist in der Tat eine große Herausforderung „Nein“ zu sagen, und dabei dem Gegenüber so wenig wie möglich oder am besten gar nicht weh zu tun. Vor allem vor dem Hintergrund, dass viele offenbar ein sehr deutliches Nein brauchen, um es als solches zu verstehen.

also echt, ich find das gar nicht gut was hier steht.
Ist zwar nett, dass du deine gedanken/erfahrungen hier mit allen möglichen menschen teilst, aber das waren keine besonders tollen gedanken.
lieber nicht fragen, weil du kurz das konzert stören könntest, und statt dessen einfach mal probieren? richtig wäre: lieber nicht einfach probieren, auf grund eines möglichen übergriffs, sondern nachfragen auch wenns vielleicht kurz nervt. und nur weil du nicht während dem konzert gefragt werden willst, heißt das nicht, dass die andere person das ebenso sieht. vlt will sie gerne gestört werden, anstatt sich dann mit einer hand rumzuschlagen. vlt. hat sie sich auch damit abgefunden neben dem konzert mit deiner hand rumzuspielen, sowie christian meint. darum gehts doch auch bei dem konzept, dass mensch nicht davon ausgehen kann, dass die andere person dasselbe möchte, auch wenn die vibes, die stimmung und was weiß ich was für ein scheiß noch alles im moment passt. fragen tut nicht weh, versaut nix, sondern kann übergriffe verhindern. Ist es das nicht wert kurz ein konzert zu stören? ist es das nicht wert kurz auf die vibes zu scheißen?
ich würde auch nicht von zustimmung sprechen, weil zustimmung gibt mensch doch auf eine frage und nicht auf „einfach mal probiern“. hast du die person danach wenigstens gefragt, ob das ok wär?

deine vermutungen was die fingerbewegungen bedeuten sind auch nur subjektive einschätzungen. sie hätte mit ihrem kleinen finger noch viel mehr machen können, woran du nicht mal gedacht hättest? und normen über verhaltensweisen und gestiken, oder auch der konsens über wieviel nähe und distanz in cliquen, communities, szenen, freund*innenschaftskreisen, etc ok sind, ist nicht auf solche situationen übertragbar.

so ein blödsinn!

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