Wir lieben Konsens

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Wie ich in einem Kommentar sagte:

Ich stimme zu, dass gerade ohne Übung Kommunikation und Konsensgespräche komisch rüberkommen können. Aber das ist, mit Verlaub, überall so. Gerade habe ich einen neuen Job angefangen, bis ich ins Referendariat gehe, und da ist man am Anfang auch unsicher und macht komische Sachen und Fehler. Aber darum sagt niemand, „Hör auf zu arbeiten, das bringt nix“. Und die Geschichten vom ersten Mal sind nahezu universell komisch-peinlich, weil man ungeübt ist. Trotzdem haben die Leute weiter Sex. Warum: weil es sich lohnt, weil es sich auszahlt.

Und als ich darüber nachdachte, kam mir die Idee: anstatt hier als Lehrmeister aufzutreten, warum nicht diese Lernerfahrungen schildern?

Dazu soll dieser Beitrag dienen, der nach und nach aufgefüllt werden soll. Und natürlich sind die Kommentare auch dazu geeignet, eigene Geschichten loszuwerden.

UPDATE: Ich fange mal poetisch an. Hier sind Auszüge aus einem Gedicht, das ich einer (jetzt) Exfreundin schrieb:

Ich will dir befehlen
aber ich schweige
denke
gleich
nächstes Mal
wenn es eins gibt

Stummen Befehlen kann man nicht gehorchen
nicht einmal du
nicht einmal mir

Ohne auf die Hintergründe genauer einzugehen: Reden ist schwer. Es ist heute noch nicht einfach für mich, verbal zu agieren, weil ich fürchte, meine Wortwahl mache die Stimmung kaputt.

Insofern sind die meisten meiner negativen Erfahrungen eher dem Schweigen anzulasten als dem Sprechen…

Wir hatten uns in der Stadt verabredet. Es war ein netter Tag, wir redeten und bummelten und lernten uns kennen. Dann irgendwann hieß es so langsam, sich für heute zu trennen. Mein erster Versuch kam gut an: »Ich möchte dich wirklich gerne küssen« wurde beantwortet: »Na, und ich dachte schon, es passiert gar nichts mehr!« Ich hatte meine Hand an ihrer Wange, ihrem Hals. Sie legte die Hand auf ihren Busen. Hätte sie es zugelassen, dass ich die Hand unter ihr Shirt schiebe? Vielleicht. Aber ich habe gefragt. »Kann ich die Hand drunterschieben?« Da haben wir uns gelöst, und sie sagte: »Heute nicht.« Und ging.

Heute würde ich es vielleicht anders formulieren. »Das Hemd stört« oder so ähnlich. Aber doch die Intention klar machen. Denn beim ersten zweisamen Treffen war die Frage, wie weit Zärtlichkeit in der Öffentlichkeit gehen kann und soll, noch nicht erörtert.

War trotzdem eine blöde Zugfahrt heim, voller »hätte« und »wäre«.

Vor allem habe ich gelernt, dass Zaghaftigkeit nicht hilft. Wenn ich selbst schon unsicher erscheine, ob ich das auch wirklich will, was ich behaupte, dann kann ich damit niemanden überzeugen.

Wir schmusen miteinander. Ich habe ganz frisch Baumwollseil gekauft (ja ja, die Jugend).
»Was hältst du eigentlich von Bondage?«, frage ich unschuldig (von wegen). »Och«, sagt sie. »Geht so, wieso?«
»Nur so«, lüge ich. »Ich hab da so Bilder gesehen und dachte, man könnte das mal probieren.«
Naserümpfen. »Nee, das brauche ich nicht.«
Ich bin enttäuscht und ein wenig beleidigt. Sie auch etwas verwirrt. Und schmusen ist irgendwie out. Der Tag ist dahin.

Später einmal übrigens kriege ich zu hören: »Bondage gibt mir ja nicht so viel, aber dein Gesicht dabei ist es wert.« Wenn man das vorher wüsste.

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Konsens ist toll! Aber leider ist Konsens nicht immer gegeben. Manchmal hat man einfach keine Lust, sich auf bestimmte Dinge einzulassen – einmalig oder auch dauerhaft. Und dann?

Wenn man das Zustimmungskonzept ernst nimmt, dann muss auch offen und ehrlich eine Ablehnung kommuniziert werden. Aber Ablehnungen sind schwierig. Als Menschen möchten wir anderen Menschen, die sich uns öffnen, und die wir gern haben, nicht vor den Kopf stoßen. Auch wissen wir nicht, wie auf eine Ablehnung reagiert wird – es kann durchaus passieren, dass wir „jetzt gerade nicht“ meinen, aber „niemals“ verstanden wird.

Zunächst einmal muss man Nein sagen können. Das ist etwas, das mit der Zeit einfacher wird. Mit jeder offenen Kommunikation, mit jedem Nein gewöhnt man sich daran, ehrlich zu sein. Trotzdem gibt es natürlich ein paar Tricks, die Ablehnung zu entschärfen und beispielsweise den gemeinsamen Abend zu retten.

Erstens ist ein reines Nein eine sehr starke Ablehnung. Hier hilft es, typische Konflikt-Formulierungen zu nehmen, also das_die Gegenüber nicht zu beschuldigen, sondern von sich zu sprechen. Aber wichtiger finde ich noch, dass man sich bemüht, Gegenvorschläge zu machen. Damit nimmt man der vorschlagenden Person die Last, sich sofort etwas Neues zu überlegen.

Vielleicht gibt es auch Kompromisse, die man schließen kann: »Ich habe heute keine Lust auf Sex, aber wir können uns ja zusammen auf dem Sofa einmümmeln.« Oder man überlegt, es wieder gut zu machen – auch wenn es eigentlich nichts gutzumachen gibt, wenn man ehrlich seine Meinung sagt, kann es doch die Laune heben: »Morgen lecke ich deinen großen Zeh, aber heute ist mir wirklich nicht danach.«

Im anderen Beitrag bin ich auch auf Verständnis eingegangen, und auch das kann hier helfen. Man kann sich erkundigen, warum das Gegenüber einen bestimmten Vorschlag macht, was reizvoll daran ist. Zumindest hilft es dabei, andere zu verstehen, und vielleicht ändert sich die eigene Einstellung auch. Wichtig ist aber wiederum, dass das Zustimmungskonzept nicht bedeutet, dass man so lange sucht und umdeutelt, bis man zustimmen kann. Auch ein Nein ist voll okay. Und natürlich sollte die Verständnisfrage nicht: »Wie kannst du nur auf so was stehen?« lauten.

Allerdings muss man auch darauf achten, dass man die jeweiligen Partner nicht damit durchkommen lässt, ein Nein zu ignorieren oder allzu schlecht aufzunehmen. Im Zustimmungskonzept, wie ich es verstehe, ist es entscheidend, dass beide Seiten offen Ja und Nein sagen, und schlechte Reaktionen auf ein Nein bzw., das Ja als gegeben anzunehmen, sind kontraproduktiv. Wenn so etwas passiert, sollte man das auch zum Ausdruck bringen.

Wichtig ist aber vor allem, im Kopf zu behalten, dass die Person, die zurückgewiesen wird, wahrscheinlich erst einmal nicht allzu glücklich darüber ist. Wenn sie da ein paar Minuten braucht, um das zu verarbeiten, ist das okay.

Meine eigene Meinung ist übrigens, dass man durchaus GGG sein sollte – das ist eine englische Abkürzung und steht für „good, game, giving“. Im Endeffekt bedeutet das, bereit zu sein, auch Dinge, die auf den ersten Blick nicht so verführerisch klingen, mitzumachen – für die anderen Beteiligten. Und natürlich im Gegenzug auch eigene Sachen, die bei denen nicht so gut ankommen, machen zu dürfen. Bevor ihr also generell Nein sagt, sagt doch bitte mindestens einmal Ja, wenn der Vorschlag euch nicht völlig quer kommt. Und vielleicht auch überlegen, ob das Nein wirklich so grundsätzlich ist oder nur bestimmte Ausprägungen behandelt („Küssen ist okay, aber ohne Zunge!“)

Das bedeutet wiederum nicht, dass man nicht sagen soll, wenn man gerade keine Lust hat.

Das alles klingt sehr abstrakt, aber es ist auch eine schwierige Situation. Und es ist schwierig, darüber zu schreiben, ohne zu persönlich zu werden. Noch dazu, wenn es um Dinge geht, in denen zumindest die Fiktion von fehlendem Konsens eine Rolle spielen kann, also bei künstlichen Machtunterschieden im Rahmen von BDSM.

Aber ich möchte doch noch einmal ein Beispiel geben, das hoffentlich harmlos genug ist. Ich habe mit einer Freundin diskutiert, eine Rollenspielsituation auszuspielen. Dazu habe ich ein paar Vorschläge gemacht, unter anderem schlug ich das Klischee von Lehrer und Schülerin vor, in dem die Schülerin droht, nicht versetzt zu werden, und ihre Note verbessern möchte. Das gefielt der Frau gar nicht. Stattdessen schlug sie allerdings ein anderes Szenario vor, ähnlich diesem. Nur, dass die Schülerin jetzt nur an der Vorlesung teilnahm, weil sie den Prof so toll fände, und sich für den Inhalt gar nicht so interessiere. Und sich nun daran macht, den Prof zu verführen, ohne zu ahnen, wie der auf so etwas reagiert und dass dessen Sexualität nicht nur kuschelig-weich ist.

Das war eigentlich eine Ablehnung, die aber nur umgedeutet wurde – ein Gegenvorschlag. Ein sehr gelungener sogar. Da gab es keinen wirklichen Streit.

Hingegen hat mich eine Freundin mal gefragt, ob ich mit ihr ins Kino gehen wollte, und ich habe abgelehnt, weil ich den Film nicht unbedingt sehen wollte. Eigentlich wollte sie mit mir irgendwie ausgehen, aber ich habe das total verpennt und einfach Nein gesagt. Das war ehrlich, aber dumm. Und einen Gegenvorschlag habe ich auch nicht gemacht.

Das Zustimmungskonzept ist toll! Und es befreit unheimlich, wenn man offen und ehrlich miteinander umgehen kann. Aber leider bedeutet das nicht, dass alles immer einfach ist. Und der Umgang mit Ablehnung ist ganz sicher eine schwierige Aufgabe für alle Beteiligten – vor allem, wenn sich mal kein guter Kompromiss oder Gegenvorschlag anbietet. Aber das gehört eben dazu, die anderen ernst zu nehmen und wertzuschätzen, und auch darum ist dann, wenn Ja gesagt wird, das Erlebnis so schön.

»Das? Das mache ich nicht!«

Die unangenehme Wahrheit lautet: wenn man auf Konsens achtet und vorab Zustimmung einholt, kann es passieren, dass diese verweigert wird. So zu tun, als passiere das nicht, ist dasselbe, wie so zu tun, als wären alle polyamorösen Beziehungen frei von Streitigkeiten und Eifersüchteleien:

Augenwischerei.

Aber auch verständlich, denn eigentlich möchte man ja Leute überzeugen, das Neue Konzept ™ mal auszuprobieren. Und es gehört zweifellos zu den schwereren Dingen, mit einem Nein umzugehen.

Eigentlich sollte die Phase der Ablehnung doch vorbei sein, wenn man dabei ist, sexuelle Handlungen abzusprechen – oder auch andere Aktivitäten. Es wurde doch bereits »Ja« gesagt – oder? Wenn sie mich in der Cafeterie angesprochen hat, dann will sie doch auch mit mir… und wenn wir uns geküsst haben, und wenn wir schon Sex hatten, und wenn wir schon zusammen aufgewacht sind, dann will sie doch auch… oder?

Vielleicht ist diese Ablehnung sogar schlimmer, weil wir noch eher das Gefühl kriegen, etwas falsch gemacht zu haben. War mein Vorschlag denn so schlimm? Darf man Donnerstags keinen Sex haben? Oder ist das, worum ich bitte, wirklich so abwegig? Abartig gar?

Diese Ideen, diese Gefühle muss man unterdrücken. Wenn ich ein Nein derartig neurotisch verarbeite, wenn ich mich vielleicht sogar persönlich angegriffen fühle, dann kann ich mir das Zustimmungskonzept auch sparen. Wenn ich nur frage, um »ja« zu hören, warum dann nicht einfach tun?

Wenn das nur so einfach wäre. Natürlich hängt das auch vom Grad des Nein ab: »Bitte küss mich heute nicht aufs Ohr« ist sehr viel einfacher zu akzeptieren als »heute ist mir nicht nach Zärtlichkeiten«. Und doch ist jedes Nein eine Grenze, die uns in dem Moment nicht gefällt, weil wir gerne ein Ja gehört hätten.

Wie kann man es sich also leichter machen, das Nein nicht falsch aufzunehmen? Wenn man »im Moment« ist, also nicht generell Dinge abspricht, empfiehlt es sich, das Nein einfach zu akzeptieren und etwas anderes, etwas mit Zustimmung zu machen, und erst später, wenn man sich etwas beruhigt hat, vielleicht noch einmal darüber zu reden.

Ein weiterer psychologischer Trick kommt daher, dass wir Gefühle, die wir simulieren, auch wirklich empfinden: wenn wir viel lächeln, bekommen wir auch gute Laune. Zwingen wir uns also zur positiven Reaktion: »Danke für deine Offenheit. Ich bin froh, dass wir so etwas bereden können.« Allein, das zu sagen, sorgt schon dafür, dass wir uns auf die positiven Elemente konzentrieren: Offenheit, Kommunikation, Ehrlichkeit – und nicht auf die Ablehnung.

Ähnlich kann es helfen, sich bewusst zu machen, wozu die andere_n Person_en bereits zugestimmt haben: da ist das Nein gleich viel weniger in einer Ausnahmeposition. Oder sich bewusst zu machen, dass es ja gerade darum geht, Nein und Ja sagen zu können. Aber das sind beides Gedanken, die man sich in einer emotional aufgeladenen Situation nur sehr schwer machen kann.

Wenn alle Stricke reißen, bleibt immer noch die Kommunikation: »Sei mir nicht böse, aber das Nein macht mir etwas zu schaffen. Ich muss mal eben ein wenig Ruhe haben.« Oder: »Kannst du mir genauer erklären, warum du das nicht möchtest?« Gerade der zweite Satz aber bitte keinsten Falles vorwurfsvoll, sondern nur, wenn man wirklich verstehen möchte – und sichergehen, dass es nicht daran liegt, dass man gestern Döner gegessen hat.

Halt, das muss ich genauer ausführen. Zustimmungskonzept bedeutet nicht, so lange auf das Gegenüber einzureden, bis das Ja sagt. Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein. Ich habe das nur angeführt, weil ich aus persönlicher Erfahrung die Situation kenne, dass ich einen Vorschlag ganz anders interpretiert habe und das Nein sich daher nur auf etwas bezog, das ich nicht meinte. Gleichzeitig kenne ich aber auch die Situation, dass mir eine Erklärung wirklich mehr darüber verraten hat, wie mein Gegenüber denkt und fühlt – in beiden Fällen hat die fragende Person aber eindeutig nicht versucht, das Nein umzudeuten oder jemanden umzustimmen.

Entscheidend ist auf jeden Fall, dass die Reaktion nicht dazu führt, dass in Zukunft nicht mehr Nein gesagt wird.

Schließlich und endlich aber ist es mit der Fähigkeit, ein Nein zu hören und zu akzeptieren, auch in sexuellen Situationen wie sonst auch: man muss es üben. Wenn man mehrmals damit fertig wurde, dann wird man auch gelassener, wenn wieder ein Nein kommt. Schließlich weiß man dann aus Erfahrung, dass ein Nein nicht bedeutet, dass nie mehr Ja gesagt wird.

Es gibt beim Zustimmungskonzept aber nicht nur die Nein-Hörer. Sondern auch die Nein-Sager, und die haben es auch nicht immer leicht. Darauf komme ich / kommen wir aber ein anderes Mal zu sprechen.

Verliert Sex seinen Reiz, wenn man darüber spricht? Bricht man dadurch die »Spannung des Augenblicks«? Ich denke, nein, und um das zu begründen, nehme ich Alfred Hitchcock zu Hilfe.

Hitchcock hat einmal über Spannung in Filmen gesprochen und diese in zwei unterschiedliche Formen geteilt: Suspense und Surprise. Surprise – Überraschung – ist demnach die Spannung, dass etwas Unerwartetes passiert. Im Gegensatz dazu bedient sich Suspense der Antizipation: die Zuschauer_innen wissen, was zu passieren droht, auch wenn die Figuren im Film es vielleicht nicht ahnen. Unklar ist nur, wann das Ereignis eintritt und wie genau – nicht aber, ob.

Hitchcock nun sagte, dass die Überraschung in aller Regel nicht so wirkungsvoll sei wie die Antizipation. Im Film, und – sage ich – beim Sex.

Habt ihr als Kind schon mal erlebt, dass an Weihnachten oder eurem Geburtstag das Wohnzimmer abgeschlossen war, und ihr wusstet, jetzt werden die Geschenke oder die Feier vorbereitet? Die Vorfreude war ein tolles Gefühl und viel besser, als wenn einfach zufällig ein Tag ausgewählt worden wäre, um euch zu überraschen.

Beim Sex ist das ähnlich. »Ich möchte dich nackt sehen« oder »Ich habe total Lust, dich zu schmecken« sind Ansagen, und wenn sie positiv beantwortet werden, dann stehen sie im Raum und knistern. Dann gibt es Vorfreude.

Die Möglichkeit, eine solche Ansage, eine Ankündigung auch zu beantworten, ist dabei (fast) nebensächlich. »Puuh, heute möchte ich nur ein wenig kuscheln« könnte ja nicht kommen, wenn das nicht angesprochen wird. Ein weiterer Vorteil, den ich dadurch erlebt habe: dass eben ehrlich Wünsche geäußert werden, weil Lust und Unlust offen diskutiert werden können – und das bereichert dann wieder das Geschehen.

Ja, diese Ansagen haben schon mal dazu geführt, dass das, was angesagt wurde, nicht geschah. Dafür aber in beiderseitigem Einvernehmen nicht geschah, und mit mehr Vertrauen weiter gemacht wurde. Und wenn es dann passierte, dann war die Antizipation eine ganz Besondere. »Ich werde dich mit deinem Lieblingsdildo ausfüllen« hat schon mal einen ganzen Abend bereichert, bis hin zu dem erlösenden Moment, als ich den Dildo endlich in die Hand nahm. Da hat die Ankündigung ganz und gar nicht geschadet.

Derart offene Kommunikation über Wünsche und Vorhaben gefährden auch nicht den Status der Beteiligten. Ich nehme ja beim Sex die dominante Rolle ein, die dann gerne auch als »typisch männlich« behauptet wird, und die angeblich durch Kommunikation und solche Absprachen gefährdet wird. Ich habe im Gegenteil festgestellt, dass diese Offenheit und Rücksicht von Vorteil ist. Um es in den Worten einer anonymen Bekanntschaft zu sagen:

Da ist ein Vertrauen, also das fühlt sich anders an als sonst. Das Wort passt nicht mal, weil sonst so unzutreffend verwendet wird. Nicht wie bei den anderen, dass die mir schon nichts tun werden oder dass ich ggf schon damit klar komme oder dass sie nicht so gelagert sind, dass sie wirklich böse sind oder dass ich ihnen sowieso überlegen bin, auch wenn sie die Peitsche in der Hand halten. Sondern….. *nachdenk* das ist nicht die Abwesenheit von etwas Bösem, die Abwesenheit von etwas Schlechtem oder Schlimmen, sondern es ist die Anwesenheit von etwas Gutem. Das trifft es. Ein ganz anderes Gefühl von Vertrauen. Man müsste ein neues, unverbrauchtes, ungefärbtes Wort dafür erfinden. Die Anwesenheit von etwas Gutem.

Klingt das so, als würde es den Sex gefährden?

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Wir liegen nebeneinander im Bett. Es ist schon spät, aber sie will noch nicht schlafen. »Ich mag es, wenn du mich fesselst. Oder hast du das Seil nur so mitgebracht?« Die Aufforderung ist so klar, wie sie sein kann, wenn sie nicht aus der Rolle fallen will. Schließlich soll ich das Sagen haben. Habe ich dann auch.

Neben der Kommunikation, während Sexualität stattfindet, spielt aber auch vorherige Kommunikation für uns eine Rolle. Und es gibt da viele Möglichkeiten, die ich bislang benutzt habe, um mich mit Frauen abzusprechen, um zu klären, was wir mögen und wollen.

Die expliziteste Methode ist sicher der Fragebogen. Von einer Datingseite habe ich einen Katalog mit Dutzenden von Aktivitäten kopiert und einer Bekannten, die so etwas mag, den Fragebogen zugeschickt (bei Interesse stelle ich den Bogen gerne online). Dann sind wir per Chat/Internettelefon die Aktivitäten durchgegangen und haben sie bewertet: mit »Tabu« sowie von 1 (»nur wenns sein muss«) bis 5 (»muss sein«). Dabei haben wir einerseits nett geschäkert und geflirtet, und gleichzeitig ergab sich da ein umfassender Plan dessen, was grundsätzlich möglich war – und auf den man sich dann beziehen konnte: »Heute habe ich Lust auf Nummer 77… wie siehts aus?«

Was mir auch gefällt ist der Bildertausch. Das habe ich bereits auf unterschiedliche Arten gemacht: entweder haben wir gegenseitig erotische Bilder aus dem Internet verlinkt und getauscht, die uns besonders gut gefielen. Daraus ergab sich dann ein Gespräch darüber, was uns besonders dran gefiel, und ob wir uns das auch »in echt« vorstellen konnten. Alternativ habe ich auch schon mal mehrere Bilderfolgen zugeschickt und gefragt, welches von jeweils drei ihr am Besten gefiel. Insgesamt taugen Bilder ziemlich gut dazu, sich Phantasieszenarien zu vermitteln.

Natürlich gibt es auch die direkte Ansprache, bei dem man Erfahrungen und Fantasien anspricht. Mit einer Frau habe ich erotische Träume getauscht – ich habe ein Szenario erzählt, dann sie, und wir haben besprochen, was uns an den Ideen des_r jeweils anderen gefiel.

Insgesamt habe ich bislang festgestellt, dass die Kommunikation über diese Wünsche und Neigungen nicht einfach ist. Aber sie lohnt sich. Sie führt dazu, dass man weniger positive Erfahrungen bespricht, aber auch festhält, was gut klappt. Und sie eröffnet Möglichkeiten. Einer Freundin erzählte ich einmal, dass ich mir manchmal vorstellte, sie würde ihr Wasser aus einem Napf trinken. Ihre Augen leuchteten auf, weil ihr die Idee auch gefiel – eine Idee, die anzubringen ich mich vorher nicht getraut hatte.

Es ist ein tolles Gefühl, wenn man mit anderen guten Sex hat. Wenn ich Dinge tun kann, von denen ich weiß, dass die Frau mir gegenüber es genießt und Spaß daran hat. Und ich das nicht erraten musste – weil wir drüber gesprochen haben.

In der nächsten Zeit werden wahrscheinlich ein paar Gastbeiträge von mir hier erscheinen, also nutze ich den ersten solchen mal, um mich vorzustellen. Ich heiße Patrick und liebe Konsens.

Als Lehrer und damit professioneller Erzieher ist es mein Ziel, meine Schüler_innen zu mündigen und kritischen Bürgern zu erziehen – dazu gehört die Fähigkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen. Diese bewussten Entscheidungen beziehen sich natürlich auch auf den Bereich der Sexualität.

Sexualität ist meiner Erfahrung nach besonders schön und erregend, wenn alle Beteiligten Spaß daran haben können. Dazu gehört nicht nur, Unerwünschtes zu verneinen, sondern auch das Bejahen gewollter Handlungen.

Wie man vielleicht merkt, bin ich ein Mensch, der sehr theoretisch denkt, der analysiert und abstrahiert. Was man außerdem wissen sollte: meine Sexualität beinhaltet BDSM, also durchaus auch künstliche Machtgefälle und konsensueller non-Konsens. Andererseits gibt es im BDSM natürlich eine Tradition von Safewörtern und Konsensualität.

Ich muss etwas gestehen: ich benutze kein Safewort.

Ich gehöre allerdings keinesfalls zu den Leuten, die meinen, Stop-Worte/Slow-Worte/Okay-Worte seien nutzlos oder würden das Erlebnis verfälschen. Ich bin ein großer Befürworter von Safeworten. Ich halte sie für notwendig, selbst wenn man sich gut kennt. Und wenn man auf sie verzichtet, dann sollte man sich bewusst sein, dass hier ein zusätzliches Risiko besteht, dass man ohne Gurt Auto fährt.

Und mein Geständnis von oben stimmt auch nicht ganz. Vielmehr benutze ich keine speziell verabredeten Safeworte – mit einer Ausnahme (siehe unten). Das liegt sicher auch daran, dass ich keine extensiven Rollenspielszenarien durchlebe, in denen bestimmte Reaktionen vorgeschrieben wären. Sondern ich mit erwachsenen Frauen zu tun habe, und wenn ich die ernsthaft frage, ob alles in Ordnung ist, dann antworten die mir ernsthaft. Und keine von ihnen hat besonderen Spaß daran, um Gnade zu flehen oder ähnliches, sodass eine Bitte um Nachsicht ebenfalls ernst gemeint ist. Sozusagen kommunizieren wir offen über die Dinge, die sonst mit Safeworten kodiert werden.

Es gibt aber ein Stoppsignal: drei Mal klopfen oder schnippsen, dreimal wiederholt. Für die Fälle, in denen sie nicht sprechen kann. Dieses Signal bedeutet, dass ich sie sofort sprechfähig mache und zuhöre, was los ist.

So, und mit diesem Wissen seid ihr wahrscheinlich vorbereitet genug auf mich. Ich stehe aber für Fragen zur Verfügung. Ansonsten: bis demnächst!

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