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Verliert Sex seinen Reiz, wenn man darüber spricht? Bricht man dadurch die »Spannung des Augenblicks«? Ich denke, nein, und um das zu begründen, nehme ich Alfred Hitchcock zu Hilfe.

Hitchcock hat einmal über Spannung in Filmen gesprochen und diese in zwei unterschiedliche Formen geteilt: Suspense und Surprise. Surprise – Überraschung – ist demnach die Spannung, dass etwas Unerwartetes passiert. Im Gegensatz dazu bedient sich Suspense der Antizipation: die Zuschauer_innen wissen, was zu passieren droht, auch wenn die Figuren im Film es vielleicht nicht ahnen. Unklar ist nur, wann das Ereignis eintritt und wie genau – nicht aber, ob.

Hitchcock nun sagte, dass die Überraschung in aller Regel nicht so wirkungsvoll sei wie die Antizipation. Im Film, und – sage ich – beim Sex.

Habt ihr als Kind schon mal erlebt, dass an Weihnachten oder eurem Geburtstag das Wohnzimmer abgeschlossen war, und ihr wusstet, jetzt werden die Geschenke oder die Feier vorbereitet? Die Vorfreude war ein tolles Gefühl und viel besser, als wenn einfach zufällig ein Tag ausgewählt worden wäre, um euch zu überraschen.

Beim Sex ist das ähnlich. »Ich möchte dich nackt sehen« oder »Ich habe total Lust, dich zu schmecken« sind Ansagen, und wenn sie positiv beantwortet werden, dann stehen sie im Raum und knistern. Dann gibt es Vorfreude.

Die Möglichkeit, eine solche Ansage, eine Ankündigung auch zu beantworten, ist dabei (fast) nebensächlich. »Puuh, heute möchte ich nur ein wenig kuscheln« könnte ja nicht kommen, wenn das nicht angesprochen wird. Ein weiterer Vorteil, den ich dadurch erlebt habe: dass eben ehrlich Wünsche geäußert werden, weil Lust und Unlust offen diskutiert werden können – und das bereichert dann wieder das Geschehen.

Ja, diese Ansagen haben schon mal dazu geführt, dass das, was angesagt wurde, nicht geschah. Dafür aber in beiderseitigem Einvernehmen nicht geschah, und mit mehr Vertrauen weiter gemacht wurde. Und wenn es dann passierte, dann war die Antizipation eine ganz Besondere. »Ich werde dich mit deinem Lieblingsdildo ausfüllen« hat schon mal einen ganzen Abend bereichert, bis hin zu dem erlösenden Moment, als ich den Dildo endlich in die Hand nahm. Da hat die Ankündigung ganz und gar nicht geschadet.

Derart offene Kommunikation über Wünsche und Vorhaben gefährden auch nicht den Status der Beteiligten. Ich nehme ja beim Sex die dominante Rolle ein, die dann gerne auch als »typisch männlich« behauptet wird, und die angeblich durch Kommunikation und solche Absprachen gefährdet wird. Ich habe im Gegenteil festgestellt, dass diese Offenheit und Rücksicht von Vorteil ist. Um es in den Worten einer anonymen Bekanntschaft zu sagen:

Da ist ein Vertrauen, also das fühlt sich anders an als sonst. Das Wort passt nicht mal, weil sonst so unzutreffend verwendet wird. Nicht wie bei den anderen, dass die mir schon nichts tun werden oder dass ich ggf schon damit klar komme oder dass sie nicht so gelagert sind, dass sie wirklich böse sind oder dass ich ihnen sowieso überlegen bin, auch wenn sie die Peitsche in der Hand halten. Sondern….. *nachdenk* das ist nicht die Abwesenheit von etwas Bösem, die Abwesenheit von etwas Schlechtem oder Schlimmen, sondern es ist die Anwesenheit von etwas Gutem. Das trifft es. Ein ganz anderes Gefühl von Vertrauen. Man müsste ein neues, unverbrauchtes, ungefärbtes Wort dafür erfinden. Die Anwesenheit von etwas Gutem.

Klingt das so, als würde es den Sex gefährden?

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