Wir lieben Konsens

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Es kann mich total nerven, über Sex zu reden. Es kann furchtbar frustrierend sein. Manchmal vergreif ich mich im Ton, wenn ich sage, was ich nicht mag. Manchmal bin ich viel zu unfreundlich, aus Angst, dass ein freundliches Nein nicht als Nein gewertet wird.
Manchmal ist es mir schrecklich peinlich, Wörter wie „ficken“, „Dildo“ oder „Gleitgel“ in den Mund zu nehmen. In der Vergangenheit habe ich ein mal ohne Kondom gevögelt, weil es mir zu peinlich war, nach einem Kondom zu fragen. Ich hatte Glück, ich habe mich mit nichts angesteckt und es kam nicht zu einer Schwangerschaft. Jetzt kann ich recht problemlos nach Kondomen fragen. Gleitgel ist schwerer. Wenn ich nach Gleitgel frage, ist es mir peinlich, weil die Notwendigkeit, Gleitgel zu benutzen dem Märchen widerspricht, das Sex etwas ist, das „von selber“ geht.
Dann traue ich mich manchmal nicht, die Person zu fragen, was er_sie mag. Ich liege einfach nur da, lasse die andere Person machen und bin zu schüchtern, etwas zurückzugeben. Ich ziehe nur mich aus, und wage mich nicht unter die Kleidung der anderen Person, weil sie_er es ja doof finden könnte. Entweder er_sie findet meine Art zu fragen doof oder er_sie findet es doof, nicht gefragt zu werden. Ein verdammtes Dilemma!

Das alles passiert. Immer wieder. Bei jeder neuen Person, mit der ich sexuell sein möchte ist es aufs Neue kompliziert. Aber ich will mit dieser Person auf tolle Art Sex haben, so wie wir es beide mögen. Also mache ich den Mund auf, frage nach Gleitgel, vergreife mich dabei vielleicht im Ton, entschuldige mich dafür und versuche es wieder gut zu machen. Ich sage was ich will, ich frage, was er_sie will. Und wir machen es. Und das ist der beste Sex den ich je hatte, der Sex den ich habe, seitdem ich mich traue, den Mund aufzumachen. Und deshalb ist es egal, dass es kompliziert ist.

Gerade eben musste ich recht herzhaft lachen ob eines köstlichen Dialogs aus Die Liebe im logischen Raum, eines Romans von Rebecca Goldstein. Die Protagonistin Renee erhält von einer guten Freundin namens Ava Nachhilfe darin, „ficken“ zu sagen. Das geht so…

Sie gab sich große Mühe mit mir (…) und sie ging so weit, den großen Teil eines Abends dem Versuch zu widmen, mich das Wort „ficken“ aussprechen zu lassen.
Wir hatten in der West End Bar gesessen, Bier getrunken, und ich erzählte ihr eine Geschichte, die ich in der Subway gehört hatte. Die Pointe enthielt das Wort „ficken“. Ich hatte nicht gewusst, daß ich nicht in der Lage sein würde, es auszusprechen. Ich hatte es nie zuvor versucht. Wir waren schon etwas angetrunken, und meine Versuche, die beiden Silben herauszubringen, hatten uns beiden hysterische Lachanfälle eingebracht.
„Paß auf, sag: kicken.“
„Kicken.“
„Ticken.“
„Ticken.“
„Okay. Wir sind fast soweit. Jetzt, ficken. Los, ffff.“
„Ffff.“
„Fffffficken. Du schaffst es, Kind, ich weiß, daß du es schaffst. Fffficken.“
„Ffffffff.“
„Genau. Ffffficken. Los, sag es, für die anderen Töchter Israels. Ficken.“
„Ffffff.“
„Für deine Mutter, Renee, sag es für deine Mutter. Ficken.“
„Ffffff.“
„Ficken.“
„Fffffffflicken!“
Wir verschluckten uns an unserem Bier. „Flick dich“ wurde zu einem unserer Lieblingskraftausdrücke.

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Ein aktuelles Problem ist für mich im Moment, dass ich nicht weiß wie ich respektvoll mit manchen Menschen in meinem Umkreis über Berührungen reden soll die nicht einfach in die Gender* Mann oder Frau passen. Dass es Verschiebungen über diese Grenzen gibt. Und andere, weitere Gender. Wie frage ich Menschen, welches Gender sie haben? Ich weiß es nicht. Wenn ich mit Menschen im Bett bin, deren Gender ich nicht kenne, wie gehe ich damit um? Ich weiß es bisher nicht.

Wenn ich mit einem Transmann schlafe, ist es dann ein Dildo oder ein Schwanz den ich berühre? Oder mag er die beiden Wörter nicht und hat seine eigenen?
Wenn ich mit einer Biofrau das baugleiche Spielzeug benutze, ist das dann ihr Dildo oder ihr Schwanz?
Wie gehe ich damit um, wenn ich die Transfrau die ich gestern Abend so leidenschaftlich geküsst habe jetzt nicht küssen mag, weil mich Bartstoppeln nerven? Wie sage ich ihr das, ohne sie zu verletzen? Oder verletze ich sie gar nicht, wenn ich sie bitte mich nur frisch rasiert zu küssen?
Und soll ich die Brüste von Transmännern mit denen ich schmuse ignorieren oder ist es okay, wenn ich mich hineinkuschle?

Hierbei sind vor allem die letzten beiden Fragestellungen für mich ein Dilemma. Bartstoppeln und Brüste, kann ich diese beiden Worte in diesem Zusammenhang bedenkenlos benutzen? Mit den Worten, die mir im Moment zur Verfügung stehen kann ich nur Dinge beschreiben, die da sind. Und keine Dinge, die nicht da sein sollen. Es wäre mir sehr unangenehm, von Brüsten zu sprechen denn der Transmann meiner Träume hat keine Brüste. Und die meisten Transmänner haben in ihren Träumen und ihrem Selbstbild vermutlich auch keine Brüste. Wenn ich nun also von Brüsten spreche vermittle ich damit eine falsche Wahrnehmung auf ihn. Auch wenn er weiß, dass ich ihn als Mann wahrnehme bringe ich mit diesem Wort die falsche Fremdwahrnehmung ins Schlafzimmer. Wo sie doch wirklich nichts zu suchen hat. Wie also etwas benennen, das gar nicht da ist und physisch aber doch. Es ist für mich ein Dilemma.

Da ich mich in Diesem nicht verrennen möchte um am Ende wort- und kopflos dazustehen, besinne ich mich auf das kleine Einmaleins des Zustimmungskonzept. Nicht die Trans*-Thematik ist anzusprechen, denn es ist nicht wichtig, was für Körperteile der Mensch den ich da gerade so gerne in den Arm nehmen möchte hat. Es ist wichtig, ob die Person umarmt werden möchte. Und wenn wir uns dann umarmen sollten stelle ich ganz einfache Fragen: Wie magst du berührt werden? Wo? Was magst du nicht? Gibt es Stellen, wo du nicht berührt werden möchtest? Gibt es Sachen, die ich machen darf ohne dich vorher jedes Mal zu fragen?
Und dann höre ich zu. Und handle im Einvernehmen mit der Person.
Die Frage mit den Wörtern und Körpern ist dann zwar noch nicht über die Bühne aber das Schweigen ist immerhin schon ein Mal gebrochen. Vielleicht ist schon das eine oder andere Wort gefallen, dass dir hilft, mit dem Trans*-Sein sensibel umzugehen. Dort kannst du beim nächsten Mal ja anknüpfen.

*Gender = soziales Geschlecht. Ich betrachte das soziale Geschlecht als unabhängig von dem, was Mensch von der Medizin als Geschlecht (Pullermann=Junge, nix Pullermann=Mädchen) zugeordnet wird. Bei mir ist es zufälligerweise so, dass mein biologisches Geschlecht mit dem sozialem so einigermaßen zusammenpasst. Wenn das bei dir auch so ist und du mit Transfrau, Transmann und überhaupt dem ganzem Dilemma des Artikels nicht anfangen kannst dann google mal nach queer und trans*.

Konsens, Consent, Zustimmungskonzept, Konsens Prinzip, Zustimmung, …. sowohl in meiner Beziehung als auch hier auf der Seite fällt mir immer wieder auf, dass es kein einfaches klares Wort gibt das universal eingesetzt werden kann, wenn von Consent, Konsens, …, die Rede ist. Im englischen ist das viiiiiiiiel einfacher. Da heißt das einfach „consent“ und fertig. Und zustimmen heißt „to consent“. Naja, lasst euch nicht davon verwirren, dass es so viele Möglichkeiten gibt! Viel Spaß beim stöbern auf der Seite…

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Die BDSM-Szene ist den Vanilla-Menschen in Sachen Kommunikation über Grenzen und Wünsche beim Sex weit vorraus, auch wenn der Sinn und Gebrauch von Safewords teilweise sehr kontrovers diskutiert wird: Es ist allen klar dass es sie gibt. Und dass sie wichtig sind.
Hier gibt es einen Text der recht detailiert den möglichen Gebrauch von Safewords, Slowwords oder Okaywords informiert – ich finde zur Inspiration dazu wie man selbst Konsens umsetzen kann ist er auch für Menschen die mit BDSM nichts zu tun haben (wollen) sehr nützlich.